19.03.2025 | Kultur

ESC in der Schweiz – Musik, Emotionen und mehr als nur eine Bühne

Ein Spektakel erwartet Basel: Nach Nemos triumphalem Sieg mit «The Code» in Malmö wird die Stadt am 17. Mai 2025 Gastgeberin des 69. Eurovision Song Contest sein. Im Gespräch teilt Henriette Engbersen, Leiterin des Bereichs «Public Value» bei der SRG, ihre Vision darüber, wie dieses Event zu einem unvergesslichen Fest für alle wird.


 644496230 - Im Rahmen des SRG SSR Public Value-Projekts übernehmen Studierende der Fachhochschule Graubünden (FHGR) mit Unterstützung der Schweizerischen Radio- und Fernsehgesellschaft (SRG) am 28. Januar 2025 in Basel die Aufzeichnung und Übertragung der Stadtübergabe des Eurovision Song Contest (ESC) von Malmö an Basel sowie der Halbfinal-Auslosung des ESC 2025. Foto: KEYSTONE / Georgios Kefalas
644496230 - Im Rahmen des SRG SSR Public Value-Projekts übernehmen Studierende der Fachhochschule Graubünden (FHGR) mit Unterstützung der Schweizerischen Radio- und Fernsehgesellschaft (SRG) am 28. Januar 2025 in Basel die Aufzeichnung und Übertragung der Stadtübergabe des Eurovision Song Contest (ESC) von Malmö an Basel sowie der Halbfinal-Auslosung des ESC 2025. Foto: KEYSTONE / Georgios Kefalas



Henriette Engbersen, als Bereichsleiterin «Public Value» bei der SRG ist es Ihre Aufgabe, einen Mehrwert für die Öffentlichkeit zu schaffen – nun auch im Zusammenhang mit dem Eurovision Song Contest (ESC). Wenden Sie dabei einen speziellen Ansatz an, oder unterscheidet sich Ihre Herangehensweise beim ESC nicht von jenem bei Ihrer regulären Arbeit bei der SRG?

Das sind tatsächlich zwei unterschiedliche Ansätze. Der Bereich «Public Value» der SRG ist nahe an der Idee des Service Public. Dabei geht es mitunter um die Frage: Welchen Mehrwert kann der Journalismus in Zeiten von Polarisierung und Desinformation bieten? Die Antwort ist klar: Er ist heute wichtiger denn je. Daher ist es unsere Aufgabe, beispielsweise die Nachrichtenkompetenz der kommenden Generationen zu fördern. In meiner Arbeit bei der SRG betreue ich unter anderem Projekte, die jungen Menschen vermitteln, warum Journalismus eine essenzielle Säule der Demokratie ist.

Beim Eurovision Song Contest hingegen steht eine andere Fragestellung im Mittelpunkt: Wie können wir Kreativität und Musik so freisetzen, dass sie möglichst viele Menschen erreichen? Unser Ziel ist es, dass der ESC in der Schweiz weit über die Bühnenshows in der Arena hinausgeht und zu einem echten Erlebnis für die Gesellschaft wird.

Dies tun Sie mit vielen «Public Value»-Projekten: Das ESC-Maskottchen Lumo hat die 20-jährige Lynn Brunner entworfen und ist eines der Designs, die Studierende und Lernende aus Basel eingereicht haben. Während des ESC werden Kinder in Altersheime gehen und für die Bewohnerinnen und Bewohner singen. Auch Schülerbands werden einbezogen, einige werden während der Woche des ESC sogar auf dem Barfüsserplatz auftreten dürfen. Ist es für das Host-Land selbstverständlich, auch abseits der eigentlichen Show Begeisterung für den ESC zu wecken?

Wir wussten von Anfang an, dass wir uns für den Public Value einsetzen werden. Uns ist wichtig, dass der ESC ein Fest für alle wird. Wir haben uns darum auch an der Stadt Liverpool orientiert, wo der ESC 2023 stellvertretend für die Ukraine stattfand, die ihn wegen des Kriegs nicht durchführen konnte. Wegen dieser Ausnahmesituation wurde dieses Zusammenkommen durch die Musik besonders stark zelebriert und es wurden viele Gemeinschaftsprojekte mit dem ESC verknüpft. Das ESC-Motto lautet seither auch «United by Music». 

Liverpool ist also das Vorbild für Basel.

Liverpool ist eine grosse Inspiration für uns. Im Team habe ich Kollegen, die mehrere ESC-Städte besucht haben. Sie sind sich einig, dass die Atmosphäre in Liverpool einfach besonders war. Wir standen im Austausch mit den damaligen Organisatoren in Liverpool, um von ihren Erfahrungen zu lernen. Gleichzeitig setzen wir eigene Akzente: Erstmals werden beispielsweise Studierende von Fachhochschulen eingebunden, indem sie die Halbfinal-Auslosung oder im Mai dann den türkisfarbenen Teppich filmen. Damit wollen wir auch zeigen, wofür die Schweiz steht: für ein starkes und praxisnahes Bildungssystem. 

Sie sagen, der ESC in Basel soll ein Fest für alle sein. Welche Projekte stehen da in Basel auf dem Programm?

Zum Beispiel die grösste ü60-Disco der Welt. Partys für Menschen über 60 Jahre gibt es bereits in vielen Städten, aber nicht in Basel. Die Pro Senectute ist auf uns zugekommen und hat uns gefragt, wieso man nicht gleich rund um den ESC eine solche veranstalten könne. Die Stadt Basel organisiert zudem eine öffentliche Bühne auf dem Barfüsserplatz, wo Musikschaffende aus der Region auftreten werden. Ausserdem planen wir, den ESC auch für gehörlose Menschen erlebbar zu machen.

Wie macht man denn eine Musikveranstaltung für Menschen mit Hörbeeinträchtigung erlebbar?

Nebst den Show-Übertragungen selbst, die mit Gebärdensprache und Untertitel zugänglich werden, mit einer speziellen Disco. Diese funktioniert mit einer vibrierenden Tanzfläche und einem Lichtkonzept. Wir orientieren uns da an der Disco für gehörlose Menschen in Dornbirn in Vorarlberg, wo in Österreich erstmals eine solche durchgeführt wurde. In der Schweiz gibt es das nach unserem Wissensstand noch nicht. Den vibrierenden Boden können wir nicht aus Dornbirn nach Basel bringen, wir sind da also noch in der Planung, gemeinsam mit dem Gehörlosenbund und mit dem Verband Sonos. Wir wünschen uns natürlich, dass diese Ideen auch nach dem ESC weitergeführt werden. 

Das Schweizer Motto des ESC lautet «Welcome Home». Was hat es damit auf sich?

Nach dem Zweiten Weltkrieg hatte der damalige SRG-Direktor Marcel Bezençon 1955 die Idee, einen freundschaftlichen Musikwettbewerb europaweit zu veranstalten. Der Gedanke war, Europa so auch ein bisschen zusammenzubringen. Der Grundstein für den ESC wurde also vor genau 70 Jahren in der Schweiz gelegt. 1956 wurde er in Lugano erstmals durchgeführt.

Es bleiben noch weniger als 60 Tage bis zum ESC. Wie sieht es mit dem Stresslevel aus?

Stress würde ich es nicht nennen, aber es ist sehr intensiv. Für die Organisation einer Veranstaltung dieser Grösse braucht man normalerweise eineinhalb bis zwei Jahre. Wir hatten nun ein Jahr Zeit, im August stand dann auch Basel als Austragungsort fest. Es fühlt sich an, als würden wir etwas im Zeitraffer organisieren. An der ersten Sitzung waren wir noch zwölf Menschen am Tisch, das Kernteam. Jetzt kommen wöchentlich neue Mitarbeitende dazu und jede Woche steht ein neues Projekt, mit dem wir den ESC für noch mehr Menschen erlebbar machen. 

 


Henriette Engberson, Leiterin des Bereichs «Public Value» bei der SRG (Foto: Reto Martin)